Leben in der Nähe von Hochspannungsleitungen

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Ich lebe in der Nähe einer Hochspannungsleitung. Ist das schädlich für die Gesundheit? Welche Normen gelten in Belgien?


Strom erleichtert uns das Leben in vielerlei Hinsicht. Vom Elektroantrieb öffentlicher Verkehrsmittel bis zu Haushaltsgeräten ist in unserer modernen Gesellschaft ein Leben ohne Elektrizität so gut wie undenkbar geworden. Häufig vergessen wir jedoch, dass jedes Elektrogerät oder jedes Stromtransport- und ‑verteilungssystem (Hochspannungsleitungen und Stromkabel) ein elektrisches und magnetisches Feld erzeugt. Diese Felder, die eine Frequenz von 50 Hertz (1 Hertz = 1 Schwingung pro Sekunde) besitzen, werden als niederfrequent bezeichnet.

ELEKTRISCHE UND MAGNETISCHE FELDER
Elektrische Felder werden von elektrischen Ladungen erzeugt, die in Volt pro Meter (V/m) oder Kilovolt pro Meter (kV/m = 1000 Volt pro Meter) gemessen werden. Wenn beispielsweise eine Nachttischlampe über eine Steckdose mit dem Stromnetz verbunden wird, entsteht ein elektrisches Feld.

Die magnetischen Felder werden durch (Wechsel-)Strom erzeugt, also durch die Nutzung des Stroms, beispielsweise beim Einschalten einer Lampe. Ihre Intensität wird in Ampere pro Meter (A/m) ausgedrückt. Man verwendet auch das Konzept der magnetischen Flussdichte, die in Tesla (T) oder Mikrotesla (μT, wobei 1 μT =0,000001 Tesla) ausgedrückt wird. 

ELEKTROMAGNETISCHE NIEDERFREQUENZFELDER
Elektromagnetische Felder sind ein natürliches Phänomen und haben immer existiert. Aufgrund der steigenden Stromnachfrage im Laufe des 20. Jahrhunderts werden die Menschen immer mehr elektromagnetischen Niederfrequenzfeldern ausgesetzt.

In einer Wohnung beläuft sich das magnetische Niederfrequenzfeld im Durchschnitt auf 0,04 μT. Wenn man Elektrogeräte benutzt, zum Beispiel Staubsauger, Haartrockner oder Rasierapparat kann das Magnetfeld (in der Nähe des Motors) für einen kurzen Augenblick Werte von 10 bis 1.000 μT erreichen.

Unter Hochspannungsleitungen kann die Stärke dieser Niederfrequenzfelder (im schlimmsten Fall) auf bis zu 12 kV/m und 30 μT steigen. Diese Stärke sinkt sehr schnell, wenn man sich von der Leitung entfernt. In der Nähe einer Hochspannungsleitung zu leben bedeutet also nicht notwendigerweise, dass man einem elektrischen und magnetischen Feld hoher Stärke ausgesetzt ist. Außerdem ist das elektrische Feld in Gebäuden schwach, weil diese selbst Hindernisse wie beispielsweise die Mauern enthalten.

AUSWIRKUNGEN AUF DIE GESUNDHEIT
Der einzige bewiesene Effekt der Niederfrequenzfelder ist die Erzeugung eines elektrischen Stroms in lebendem Gewebe. Dieser elektrische Strom kann die Funktion von Nerven und Muskeln beeinträchtigen oder die Wahrnehmung von Lichtflimmern im Sichtfeld hervorrufen. Um diese Effekte hervorzurufen, müssen die Felder sehr stark sein. Die Niederfrequenzfelder, die uns im Alltag umgeben, entwickeln nur einen sehr schwachen elektrischen Strom.

Weniger sicher ist sich die Wissenschaft in Bezug auf die langfristigen Auswirkungen. Es gibt Anzeichen (aufgrund von epidemiologischen Forschungen), nach denen niederfrequente Magnetfelder (des Hochspannungsnetzes) das Leukämierisiko bei Kindern auf Dauer leicht erhöhen können. Es handelt sich um Magnetfelder im Wohnbereich mit Werten von durchschnittlich mehr als 0,3 bis 0,4 μT innerhalb von 24 Stunden. Deshalb hat die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) niederfrequente Magnetfelder der Klasse „vielleicht krebserregend beim Menschen“ zugeordnet.

Die IARC verwendet diese Klassifizierung, um Materialien zu kennzeichnen, die beschränkte Anzeichen eines Krebsrisikos für den Menschen aufweisen. Kaffee gehört beispielsweise auch zu dieser Klasse, weil er das Risiko von Blasenkrebs erhöht, während er zugleich schützend gegen Darmkrebs wirkt.

Obgleich die IARC niederfrequente Magnetfelder als potenziell krebserregend für den Menschen klassifiziert hat, sind auch andere Erklärungen für die festgestellte Verbindung zwischen Leukämie bei Kindern möglich.

Laut IARC gestatten die wissenschaftlichen Daten noch nicht, eine (positive oder negative) Schlussfolgerung betreffend andere Krebsformen bei Kindern und Erwachsenen zu ziehen. Dieselbe Ungewissheit herrscht im Zusammenhang mit dem Einfluss von statischen Feldern, elektrischen Niederfrequenzfelder oder Funkwellen auf die Gesundheit.

Auch wenn die Indizien nicht ausreichen, um die Einführung strengerer Normen zu rechtfertigen, kann man trotzdem ein mögliches Risiko auf die Gesundheit von Kindern nicht ausschließen. Als Vorsichtsmaßnahme empfehlen die Forscher Familien mit kleinen Kindern eine Wohnung außerhalb des Korridors von 0,4 μT zu suchen, sofern das möglich ist. In der Praxis bedeutet das je nach Art der Leitung eine Entfernung von 20 bis 50 Metern zu einer Hochspannungsleitung.

Die Forschung über die Auswirkungen von Magnetfeldern auf die Gesundheit wird auch in Belgien fortgesetzt. Personen, die der Ansicht sind, dass ihre Gesundheitsprobleme mit elektromagnetischen Feldern zusammenhängen, können am Forschungsprogramm der Belgian BioElectroMagnetic Group (BBEMG) der Universität Lüttich teilnehmen. Dieses wissenschaftliche Forschungsprogramm umfasst unter anderem genetische, klinische, psychologische und psychophysiologische Tests sowie eine Provokationsstudie. Das Forscherteam behandelt keine Gesundheitsprobleme. Dafür müssen Sie einen Arzt aufsuchen. Diese Studie hat zum Ziel, sich ein genaueres Bild über die Auswirkungen elektromagnetischer Felder auf den menschlichen Körper zu machen.

BELGISCHE VORSCHRIFTEN
In der belgischen Gesetzgebung ist die Stromstärke von elektrischen Feldern, die von Anlagen für den Transport und die Verteilung von Strom erzeugt werden, beschränkt auf folgende Werte:

  • 5 kV/m in Wohngebieten und erweiterten Wohngebieten
  • 7 kV/m auf Straßen
  • 10 kV/m an anderen Orten

Dagegen gibt es bis heute keinerlei belgische Vorschriften für den Schutz der Bevölkerung vor dem Einfluss von niederfrequenten Magnetfeldern. Belgien billigt die internationale Empfehlung von 100 μT. Dieser Wert beruht auf den bekannten stärksten Auswirkungen.

KONTROLLMASSNAHMEN
Die technischen Kontrollen werden von Elia durchgeführt, der Betreibergesellschaft für das belgische Hochspannungsleitungsnetz. In der Nähe einer Hochspannungsleitung ist der tolerierte Expositionsgrad abhängig von der Art der Leitung (70 kv, 150 kV oder 380 kV) sowie von der Entfernung zwischen der Leitung und der tatsächlichen Stärke des Stroms in der Leitung. Auf Anfrage führt Elia kostenlos Messungen des Magnetfelds in Wohnungen durch. 

Für Informationen über technische Parameter von Hochspannungsleitungen und Messungen von elektrischen und magnetischen Feldern Elia (Betreiber des belgischen Hochspannungsleitungsnetzes) 
Kontaktstelle Wallonie
Avenue Albert Ier 19
5000 Namur
Tel. 081 23 70 11
sts.wallonie@elia.be

Kontaktstelle Brüssel
Boulevard de l'Empereur 20
1000 Brüssel
Tel. 02 546 72 64
sts.bruxelles@elia.be
www.elia.be

Für Informationen über die Gesundheitsrisiken von Hochspannungsleitungen:
Föderaler Öffentlicher Dienst Volksgesundheit, Sicherheit der Nahrungsmittelkette und Umwelt
Generaldirektion Umwelt
Place Victor Horta 40 Postfach 10
1060 Brüssel
Kontaktstelle: 02 524 97 97
info@gesundheit.belgien.be
www.gesundheit.belgien.be

Für die Teilnahme am Forschungsprogramm der Belgian BioElectroMagnetic Group (BBEMG) Universitätsklinisches Zentrum Sart Tilman (Lüttich)
Cindy Rocha 
Tel. 04 366 77 78
Cindy.RochaAugusto@ulg.ac.be